Agenturarbeit im Wandel – David Görges im Interview mit der ESB
Als inhabergeführte Agentur bewegt sich die Beyer Görges GmbH an der Schnittstelle von Design, Technologie und digitaler Markenführung. Mit einem klaren Fokus auf individuelle Lösungen begleitet das Team Unternehmen und Sportorganisationen durch digitale Transformationsprozesse. Im Expertview spricht einer der Gründer und Geschäftsführer David Görges über veränderte Kundenbedürfnisse, den Einsatz von KI im Agenturalltag und die strategische Weiterentwicklung ihres Geschäftsmodells.
ESB: Ihr seid jetzt in eurem siebten Agenturjahr. Die Entwicklungen seitdem sind vielfältig: von Corona bis KI. Was hat sich bei euch in diesem Zeitraum verändert?
David Görges: Diese Entwicklung war ja nicht Beyer Görges-exklusiv – alle Unternehmen mussten sich darauf einstellen. Corona war zunächst ein Gespenst. Als Agentur, die zu diesem Zeitpunkt zwar sehr jung war, aber als digital gut aufgestellt galt, konnten wir davon unverhofft profitieren. Über diesen Weg kamen wir noch mehr an das klassische Agenturgeschäft, konnten Strategien und Kampagnen für unsere Kunden erarbeiten. Das war wertvoll für unsere Entwicklung.
Den internen Wandel – mobiles Arbeiten, Videokonferenzen, neue Anspruchshaltungen – haben natürlich auch wir durchlaufen. Ich sehe das als noch immer fortlaufenden Prozess: Die Wertschätzung für die persönliche Begegnung nimmt wieder zu, allerdings viel langsamer, als viele prognostiziert haben. Wir verlernen schnell – und lernen nur langsam wieder neu.
Die KI beschäftigt uns täglich. Wir nutzen sie im Arbeitsalltag und probieren die neuen Entwicklungen in unserem Bereich aus und wenden sie an. In meinen Augen – und damit stehe ich natürlich nicht allein – ist das die nächste gesamtgesellschaftliche Revolution: Es werden etliche neue Geschäftsmodelle entstehen, und sie wird unser Zusammenleben nachhaltig verändern.
Neue Technologien wecken immer meine Neugier, aber angesichts des Umfangs und der Geschwindigkeit des aktuellen Wandels bin ich erstmals überzeugt, dass wir nicht nur auf geschäftlicher Ebene, sondern auch gesellschaftspolitisch eine Agenda brauchen. Wir müssen eine Haltung entwickeln, wie wir damit umgehen wollen, ins Gestalten kommen. Das ist natürlich ein sehr weites Feld. Nur so viel: Der Taschenrechner hat uns im Kopfrechnen schlechter gemacht. Was passiert, wenn wir auf jede Frage sofort eine Antwort bekommen? Ich sehe hier, wie so häufig, die Bildung in der Pflicht sonst werden die Gräben noch größer.
ESB: Dieser Wandel wirkt sich ja auch auf die Ansprüche der Kunden aus. Erwarten sie heute mehr als nur klassisches Branding? Wie integriert ihr Beratung und digitale Transformation in euer Angebot?
David Görges: Wir schätzen uns glücklich, dass unsere Kunden den Wert ihrer Marke verinnerlicht haben und nicht auf spontane „Hau-Ruck“-Aktionen setzen. Letztere können durch die Möglichkeiten der KI schnell zu einer aufgeregten und dauerhaft stressigen Atmosphäre führen – das spüren wir auch im Markt. Aber: Eine schnelle Antwort, die formal korrekt ist, ersetzt keine durchdachte Lösung, die aus den Markenwerten entwickelt wurde. Natürlich kann KI ein gutes Briefing unterstützen und den Weg zum Ergebnis verkürzen. Die Wahrheit ist aber auch: Keiner unserer Claims, die bisher in Kampagnen Verwendung fanden, wurde von einer KI entwickelt. Noch nicht.
Wir sehen uns als Mittler: Wir beherrschen die neuesten Werkzeuge und wenden sie so gezielt an, dass wir die Hoheit über den Prozess behalten. Aktuell nutzen viele noch den Hammer, wo ein Schraubenzieher gebraucht würde. Diese Unterscheidungskompetenz ist unser Anspruch – wie bei einem erfahrenen Handwerker.
ESB: Ihr habt kürzlich die Landingpage zum DFB-Pokalfinale für Arminia Bielefeld umgesetzt und wart auch an der gesamten Kampagne beteiligt. Nimm uns mit in den Arbeitsprozess.
David Görges: Die Arminia-Kampagne war ein Traum: der Underdog aus Ostwestfalen, der an seinem 120. Geburtstag erstmals im Pokalfinale steht – die Geschichte erzählt sich fast von selbst. Dennoch: Wir hatten ein exzellentes Briefing vom Verein und erste Motive, die bereits bei der Arminia entwickelt worden waren und einen Ton vorgaben, den wir aufgriffen. So macht die Arbeit Freude.
Wir haben das Projekt pragmatisch und im engen Austausch mit dem Verein umgesetzt. Mit unserem Superkraft-Pagebuilder konnten wir in kurzer Zeit eine mobil optimierte Website ↗ auf den Weg bringen, die alle relevanten Informationen für die Fans schnell und kompakt aufbereitete.

Die Landingpage für das Pokalfinale 2025 in Berlin
Auf das Ergebnis waren wir stolz: In ganz Berlin hingen die Plakate, die Resonanz der Fans war großartig, medial wurden die Motive vielfach aufgegriffen. Da haben wir einen Nerv getroffen.

Plakatwagen waren in der gesamten Stadt unterwegs

Eine Stadt im Arminia-Fieber
ESB: Seht ihr KI und Automatisierung als Gefahr für die kreative Arbeit in der Agenturbranche?
David Görges: Die Gefahr besteht darin, sich in den Möglichkeiten zu verlieren und die Unterscheidbarkeit zu verlieren. Kreativität bleibt unser zentrales Differenzierungsmerkmal – weil sie von Menschen kommt, nicht von Algorithmen. KI kann Vorschläge machen, aber noch keine kulturelle Relevanz schaffen.
Wir nutzen KI, um Freiräume zu schaffen, damit sich unser Team auf das konzentrieren kann, was Menschen wirklich berührt: originelle Gedanken und mutige Konzepte. Im digitalen Bereich – etwa im Code – ist KI natürlich ein enormer Helfer.
Es ist ja sehr spannend: Wir beobachten alle, was gerade in diesem Bereich passiert. Unsere Aufgabe sollte nicht sein, gegen die KI anzutreten; vor allem nicht in Bereichen, in denen wir als Menschen keine Chance haben. Aber egal ob Arzt, Rechtsanwalt, Top-Manager oder Agenturgeschäft: wir werden unsere Rollen neu denken müssen. Wo machen wir den Unterschied, wo haben wir nach außen noch ein relevantes Versprechen abzugeben? In diesem Prozess sind wir und hier gilt es – so wir uns auch zukünftig auf beruflicher Ebene noch menschlich austauschen wollen – Bereiche zu finden. Wenn sich irgendwann zwei Menschen ihre E-Mail Antworten gegenseitig mit ChatGPT generieren, dann kann die Maschine auch einfach einen Monolog führen. Am Ende geht es um nichts weniger als unsere Identität. Denn wenn die KI die besseren E-Mails schreibt und dabei zu besseren Ergebnissen kommt, dann wird es natürlich philosophisch: sind wir dann einfach nicht mehr nötig oder müssen wir uns aktiv einen Wert zuschreiben, weil es sonst niemand macht?
ESB: Wie seht ihr die Zukunft inhabergeführter Agenturen bis 2030? Und was tut ihr, um Beyer Görges wettbewerbsfähig zu halten?
David Görges: Natürlich ist das immer etwas „glaskugelig“, aber ich hoffe, dass unsere Agilität uns Vorteile verschafft. Die Adaption von KI schreitet rasant voran, und die Verlockung ist groß, für jede Aufgabe kurz ChatGPT und Co. zu fragen. In Konzernen kaum zu kontrollieren. Kleine Agenturen haben hier vielleicht die Chance, gemeinsam einen Kodex zu entwickeln, der differenzierend wirkt und hilft, schneller und verantwortungsvoller auf Trends zu reagieren. Hier liegt unsere Chance: beweglich bleiben und Verantwortung übernehmen.
„Fußballvereine sitzen auf einem riesigen Schatz: den echten Protagonisten. Dieses Gut wird in Zukunft noch wertvoller und das Live-Erlebnis ohnehin.“
David Görges
ESB: Wie ist euer Weg für die nächsten Jahre? Wo siehst du euch 2030?
David Görges: Erst mal in neuen Büroräumen; wir ziehen nämlich noch in diesem Jahr um.
Aber im Ernst: Eine exakte Prognose in diesen Zeiten zu wagen, wäre schon sehr überheblich.
Ich habe den Wunsch, dass wir uns weiter den Entwicklungen öffnen, dabei aber immer mitdenken, wo Räume für das eigene Angebot sind. Wir sind überzeugt, dass das „Echte“ einen neuen Wert erfahren wird.
Da, wo die KI wahrscheinlich jedes Fußballspiel zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona in allen Taktikausprägungen ununterscheidbar vom echten Livespiel in Echtzeit erzeugen kann, jeder Entertainment-Inhalt auf Zuruf erstellt wird, kann nur noch die Realität einen Unterschied machen. Fußballvereine sitzen dabei auf einem riesigen Schatz: den echten Protagonisten. Dieses Gut wird in Zukunft noch wertvoller und das Live-Erlebnis ohnehin. Das gut und hochwertig zu inszenieren, immer mit Verantwortung den Menschen gegenüber, die es konsumieren, darin liegt – auch für das Sponsoring – viel Potenzial für die Zukunft.
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Dieser Text ist am 10. Juli 2025 zuerst auf der Website der ESB ↗ erschienen.
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Dieser Text ist subjektiv – so wie jede Meinung. Wenn dir inhaltliche Fehler auffallen oder dir etwas fehlt, sag uns gerne Bescheid: ping@beyergoerges.com ↗