Das bessere Angebot
Ja, ich bin late to the party, aber einen Gedanken zur großartigen Super Bowl LX Halftime Show von Bad Bunny wollte ich noch loswerden.
Durch die parallel ausgestrahlte All-American Halftime Show wurde der unterschiedliche Angang der Lager (nicht nur an die dargebotenen Shows) evident.
Die Erkenntnis: wenn man sich mit Ausdauer und Herzblut seinem Produkt verschreibt und sich nicht mit Fast Food-Diskussionen ablenkt, kann man ein Angebot schaffen, das die Mehrheit einfach nicht ablehnen kann.
Wir sind wahrscheinlich noch sehr weit davon entfernt, dass sich die Dinge nachhaltig zum Besseren wenden. Trotzdem habe ich gerade das Gefühl, dass etwas kippt. Oder, dass es gerade eine neue Art des Umgangs der globalen Pluralisten mit den autoritären Nationalisten geben kann, der sich deutlich besser eignet als das unmittelbar Konfrontative und damit sicher auch anschlussfähiger ist. Zumal sich hier auch aus Marketingperspektive relevante Fragen stellen: wo werde ich besser unterhalten, wer hat den besseren Vibe, wer ist professioneller oder ganz einfach: wem höre ich lieber zu?
Auch wenn ich hier nur die offizielle Halftime Show verlinke, ist auf YouTube natürlich auch das Video der All-American Halftime Show zu finden ↗
Meine bisherige Begegnung mit dem Künstler Bad Bunny war rein algorithmus-geschuldet: „Die Musik könnte Dir auch gefallen“. Ich kannte sein Œuvre deswegen bisher nur in Fragmenten und oberflächlich. Klar, die Diskussionen im Vorfeld habe ich mitbekommen und auch seinen Auftritt bei den Grammys („ICE out“). ↗
Den Super Bowl habe ich zudem nicht live verfolgt und bin am nächsten Tag auch nur durch das Öffnen von Apple Music zum Video der Show gelangt. Ich klickte es mit dem Gedanken, dass man es zumindest mal gesehen haben muss. Wenn ich überhaupt eine Erwartungshaltung hatte, war es jene, dass ich von einem Event ausgegangen bin, das die Narrative und die diskursbestimmenden Themen aufnimmt, um sich dann gegen sie zu stellen. Das langweilt mich mittlerweile in jedem Format und spielt nur der Gegenseite in die Karten. Natürlich mit dem Wissen darum, dass ich auch keinen geeigneten Ansatz habe, wie man diesen Themen besser begegnet.
Bad Bunny hatte diesen Ansatz.
Die Show hat mich nachhaltig beeindruckt und gezeigt, welcher Weg eventuell in Zukunft besser funktionieren kann.
Am Reißbrett geplant, perfekt inszeniert und umgesetzt, geniale Gastauftritte und natürlich mit zahlreichen politischen Aussagen. Allesamt perfekt popkulturell zitierfähig, was die Reichweite noch einmal x-fach höher gemacht haben wird. Die politischen Aussagen wurden aber ganz anders transportiert, als von mir erwartet. Der Auftritt war kein Gegenprogramm. Er war ein Angebot. Und Angebote wirken für mich in der aktuellen Zeit deutlich stärker als reine Gegenrede.
Von einem echten Interesse getrieben, mit Hingabe und Liebe umgesetzt. Die Geschichte seiner Heimat mit starken Bildern gefeiert und trotz der teils wichtigen und kritischen Botschaften, mit einer Freude und Hommage erzählt, dass man nur berührt davon sein konnte (und im Anschluss seinen Spanisch-Kurs bucht). Die Botschaft wurde gelebt und zu keinem Zeitpunkt reingedrückt. Es war das, was es war: ein Angebot, das man annehmen konnte, ohne aggressiven Belehrungswillen („Wir sind besser, du bist schlecht.“).
Hier hat Benito Antonio Martínez Ocasio aka Bad Bunny ↗ eine Geschichte erzählt, die man Ihm in Gänze abnimmt. Die Szenen aus seiner Heimat Puerto Rico, das Ambiente, das man auch am TV fühlen konnte, die Feste und Partys: maximal authentisch. Und in einer Ästhetik, die man – unabhängig, ob man sich selbst kulturell zugehörig fühlt – bildlich nur als einen Menschen mit offenen Armen beschreiben kann. Eine Einladung.
God bless America. It doesn’t matter if it’s Chile, Argentina, Uruguay, Paraguay, Bolivia, Perú, Ecuador, Brazil, Colombia, Venezuela, Guyana, Panama, Costa Rica, Nicaragua, Honduras, El Salvador, Guatemala, Mexico, Cuba, the Dominican Republic, Jamaica, Haiti, the Antilles, the United States, Canada — and my motherland, my homeland: Puerto Rico. We’re still here. Now!
Bad Bunny
Zu dieser Show gab es eine Alternative. Veranstaltet von Turning Point USA wurde zeitgleich die All-American Halftime Show übertragen. Und natürlich darf man sich jetzt nicht dem Reflex hingeben, diese Show zu ranten (es wäre auch zu leicht). Zum ersten Mal – und gerade in diesem direkten Vergleich – gab es bei mir ein Gefühl, das ich in diesem Zusammenhang vorher nicht kannte. Sie wirkte nicht wie ein eigenes Angebot, sondern wie eine Reaktion. Und ein Dagegen trägt selten Leichtigkeit in sich. Ich hatte tatsächlich eine Art von Mitleid. Und klar, wenn am nächsten Tag alle ganz deutlich sehen können, dass Du auf der schlechteren Party warst, fühlt sich das nicht gut an.
Wenn man sich die Reaktionen im Netz anschaut, dann gibt es in allen Bevölkerungsgruppen einen großen Zuspruch zur offiziellen Show. Meine Lieblingszahl: Das New York City Department of Environmental Protection meldete während der Show einen signifikanten Rückgang des Wasserverbrauchs im gesamten Big Apple. Mit anderen Worten: Ganz New York saß gebannt vor dem Bildschirm. Doch in den 15 Minuten unmittelbar nach dem Ende der Show kam es zu einem sprunghaften Anstieg – dem Äquivalent von 761.719 gleichzeitig gespülten Toiletten in der ganzen Stadt, wie die Behörde in den sozialen Medien mitteilte. Zum Vergleich: Nach der letztjährigen Super-Bowl Halftime Show lag dieser Wert noch bei 467.881 Spülungen. ↗
Das ist eine schöne Anekdote. Für mich liegt die eigentliche Lehre aber darin, sich nicht permanent in das tägliche Agenda-Kleinklein hineinziehen zu lassen. Wer nur reagiert, spielt auf fremdem Feld. Wer gestaltet, schafft ein eigenes. Es braucht eine Idee, der man selbst vertraut. Wenn man dieser eine liebevolle – auch im Sinne von hochprofessionell – Umsetzung widmet, dann schafft man ein Angebot, dem man gerne folgt.
Das wirkte erfrischend auf mich. Oder einfacher:
The only thing more powerful than hate is love.
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