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Nerds

Verfasst von David Görges, Juni 2026[…] About the only thing you can’t do is ignore them. Because they change things. They push the human race forward. And while some may see them as the crazy ones, we see genius. […] (aus der Apple-Kampagne „Think Different“, Werbeagentur: Chiat/Day, 1997)

Es gibt in der Psychologie ein Phänomen, das sich „Name it to tame it“ nennt. Es hilft unserem Gehirn, Kontrolle über etwas zu gewinnen, indem wir es benennen. Vielleicht stammt der Ursprung des Begriffs Nerd genau aus diesem Impuls.

Er wird für Menschen genutzt, die in einem speziellen Wissensbereich – meist technisch oder popkulturell geprägt – enormes Wissen angereichert haben. Der Impetus hat sich dabei von einem früher vielfach despektierlichen Klang hin zu einem Sound entwickelt, dem mitunter eine große Wertschätzung innewohnt.

Die Gründe dafür reichen von der meist etwas überheblichen Faszination für das vermeintlich unnütze Wissen, das sich ein Mensch in einzelnen Bereichen aneignen kann, bis hin zu dem befremdlichen Respekt vor den mittlerweile unvermeidlichen Tech Bros. Er macht uns deutlich, dass die Meisterschaft in ehemals im Nerd-Bereich verorteten Themen zu exponierten gesellschaftlichen und politischen Positionen führen kann.

Also schwingt bei dieser Anerkennung auch die Erkenntnis mit, dass sich weltbestimmende Themen abseits des Rampenlichts herangebildet haben. Was mitunter als Spielerei abgetan wurde, dem kommt heute eine massive Bedeutung zu. Dabei klingt es retrospektiv ganz simpel: Was Menschen gerne, wiederholt und mit Hingabe machen oder konsumieren, dem kommt irgendwann eine große gesellschaftliche und wirtschaftliche Rolle zuteil.

Eigentlich eine Binse. Und doch kam es für die meisten überraschend, dass dort, wo StudiVZ herkam, schon einige Jahre später Wahlen entschieden wurden.

What keeps me awake at night is not one of our big competitors, but two guys in a garage working on something completely new.

Bill Gates

Wirft man einen Blick auf die popkulturelle Seite des Phänomens, mutet diese zunächst leichter und vor allem kommerzieller an: Von Lego  über Hörspiele  bis hin zum Retro Gaming geriert sich – wenn er es nicht schon längst ist – ein Massenmarkt. Vor allem angetrieben durch den nostalgieschwangeren Eskapismus der kaufkräftigen Erwachsenen.

Der Retro-Trend geht aber tiefer als das: So leben wir in unvergleichlichen Zeiten, und erst mit der Generation der Baby Boomer sind überhaupt massenkompatible popkulturelle Phänomene wie Star Wars oder Herr der Ringe entstanden. Sie sind also weniger das besondere Kennzeichen einer Generation als das Signum einer Zeit, die weltumspannende und identitätsstiftende Phänomene kommunikativ überhaupt erst möglich gemacht hat. Wäre das früher schon möglich gewesen, gäbe es sie vermutlich genau so. Und, selbstverständlich, spielt der Kapitalismus auch hier eine große Rolle. Die Phänomene selbst werden sich ab jetzt nur verändern, aber verschwinden werden sie nicht mehr.

Einhergehend wächst die zentrale Erkenntnis, dass es im Grunde genommen immer Nerds sind, welche die Wahrnehmung unserer Welt bestimmen. So sorgen sie als Wissenschaftler für echten Wandel oder regen unsere Fantasie an, wenn sich ihre Geschichten tief in unsere Synapsen eingraben. Der große Rest lebt in einer von ihnen geschaffenen Welt und geht lediglich mit ihr um.

Und vielleicht entstehen manchmal erste Züge von einem Gedanken, den man gerne nur allzu schnell wieder verdrängt: Ist es nicht viel menschlicher und gar nicht nerdig, voll und ganz in ein Thema abzutauchen, das einem Freude bereitet und im ersten Moment nicht direkten kapitalistischen Nutzen stiften muss. Die Frage dahinter: Was ist eigentlich normal – und wer handelt abseitig?

Verfolgungsjagden und Prügeleien

Wenn man meinem Lieblings-Sachbuch-Autor Harari glauben möchte – der sich mit dem Thema des sozialen Miteinanders von Menschen in allen Facetten beschäftigt hat –, dann denken und leben wir in Bildern und Erzählungen. Folgerichtig, dass die prägendsten in der späten Kindheit und Jugend stattgefunden haben müssen . Selten ist ein Gefühl später noch einmal so stark und prägend wie das, was wir früher einmal gefühlt haben. Die Nostalgie ergreift uns und öffnet auch den Geldbeutel; kaum jemand, der sich dem entziehen kann. Von Asterix bis Pokémon  : Fast jeder Erwachsene teilt eine solche Sehnsucht.

So stammt ein großer Teil von dem, was auch nach Jahrzehnten noch eine große Folgschaft generiert, per Definition aus der Hand von Nerds. Menschen, die sich mit fast absurder Akribie einer Sache verschrieben haben. (Ich meine, Tolkien hat für Herr der Ringe eigene Sprachen und Schriften entwickelt . Das ist im Nachhinein eine coole Geschichte, hat aber seinerzeit bestimmt viele einsame Stunden zur Folge gehabt und vor dem Erfolg mutete das sicher bisweilen auch tragisch an. Vor allem bei all jenen, denen eben kein solcher Coup beschieden ist.)

Es läuft auf die bereits benannte Wahrheit hinaus: Die sogenannten Nerds bestimmen viele der Bilder und Geschichten, in denen wir denken (und nunmehr tatsächlich auch viele der Plattformen, auf denen sie stattfinden).

Machen wir es konkret: Wenn sich jemand meiner Generation (1977) eine Verfolgungsjagd oder eine Prügelei vorstellen soll, greift man fast immer auf eine fiktive Erinnerung zurück: Wir sehen Steve McQueen im Ford Mustang, Bud Spencer und Terence Hill*. Eventuell sind es auch Bilder anderer Filme, sicher ist aber: Wir haben die meisten Dinge nicht selbst erlebt, sondern greifen auf Vorstellungen, ja, Fantasien Dritter zurück. Sie werden zu einem Teil unserer Vorstellung von der Welt. Uns reicht dann nur ein Versatzstück, um ganze Geschichten in unseren Köpfen stattfinden zu lasen.

Natürlich gilt das nicht nur für diese plakativen Themen, sondern auch für Liebe, Rebellion, Mut und Menschlichkeit. Wir sind kulturell – zumindest im globalen Westen – zum großen Teil durch die Bilder fiktiver Geschichten geprägt. Meist Geschichten von Nerds.

Das greift zudem weit über das Popkulturelle hinaus. Der Nerd ist nicht nur der Mensch mit Lichtschwert und Kamera; er ist auch der Mensch, der so lange auf Formeln, Sterne, Quanten oder schwarze Löcher schaut, bis sich unser Bild der Wirklichkeit verändert. Einstein, Anton Zeilinger und Stephen Hawking gehören mit ihrem fast unheimlich anmutenden Wissen und weltumformenden Erkenntnissen sicherlich dazu. Was für ein Glück, dass sie alle nicht von irgendwem zu echter Arbeit gezwungen wurden.

Zugegeben, das ist ein sehr weiter und umspannender Nerd-Begriff; aber, egal, ob Physiker oder Geschichtenerzähler: Wir stehen auf den Schultern von Nerds.

Der Fisch an Land

Ich habe in der ARTE Mediathek jüngst die Doku zum Film E.T. – Der Außerirdische von Steven Spielberg gesehen. Eine absolute Empfehlung; zeigt sie doch, mit wie viel Hingabe und Ideenreichtum dieser ikonische Film entstanden ist. Eine Szene, die bei mir ganz besonders verfangen hat: Steven Spielberg spricht mit den schauspielenden Kindern des Films über Computerspiele und darüber, wo man die besten Automaten findet, auf denen man sie spielen kann. Er wirkt in diesem Moment fast, als würde er selbst zu der Gruppe der Kinder gehören.

Ein weiteres Beispiel ist das folgende Bild vom jungen George Lucas, der stolz zwischen den Requisiten seiner weltberühmten Star Wars-Filmen steht. Ein stolzer Mann inmitten von Spielzeugen.

Und zu guter Letzt eines meiner Lieblingsbeispiele: Es gibt ein Bild von Jeff Bezos, das mich vor der Entscheidung zu meiner Selbstständigkeit wirklich inspiriert hat und es bis heute tut. Es gibt aktuellere Bilder , denen geht für mich persönlich dieser motivierende Geist verloren.

Wir sehen hier erwachsene Männer, die eins sind mit dem, was sie tun. Motiviert, mit einer inspirierenden Idee und mit Freude an deren Umsetzung. Denn zumindest George Lucas und Jeff Bezos wussten noch nichts von ihrem weltweiten Erfolg und konnten ihn hier noch nicht einmal erahnen. Star Wars hatte als Weltraummärchen eher schlechte Prognosen und Lucas Angst vor der Pleite. Jeff Bezos hatte hier gerade angefangen, online Bücher zu verkaufen. Ein Zukunftsgeschäft mit offenem Ausgang: ja. Eine weltweit umspannende Logistik- und Entertainment-Firma: wahrscheinlich eher nicht…

Spielberg hatte nicht zuletzt mit Indiana Jones schon große Erfolge vorzuweisen, ist aber in diesem Ausschnitt so ehrlich und ganz bei sich selbst, dass alle drei Momentaufnahmen etwas gemeinsam haben: eine gewisse Unschuld in dem, was man tut, und ehrliche Hingabe. Der so oft genutzte und überstrapazierte Begriff „Authentizität“ trifft es in diesem Fall ganz gut. Der Fisch im Wasser.

Ich bin fest davon überzeugt, dass man in diesen ursprünglichen Momenten den wahren Kern sieht: die Zeitpunkte, in denen Dinge entstanden sind, die weiter wirken als nur für den Moment. Ikonische, weltumspannende Bilder und globale Konzerne.

Das, was nach dem großen Erfolg kommt, ist überdimensionierte Folklore. Und doch bestimmt genau diese Folklore in erster Linie unsere Gespräche über diese Personen. Es ist halt einfacher, über Geld zu sprechen als über Liebe.

Allerdings glaube ich persönlich, dass George Lucas in erster Linie ein spektakulärer Geschichtenerzähler und Puppenspieler ist und nur notgedrungen ein Geschäftsmann wurde, der sein geistiges Eigentum an Disney verkauft hat.

Der Landgang funktioniert halt nicht immer so gut.

Nicht umsonst (pun intended) kehren die meisten zu ihren Wurzeln zurück. Und natürlich habe auch ich am Premierentag den neuen Spielberg, Disclosure Day, besucht. In der Hoffnung, dass sich noch einmal ein ikonisches Bild entfaltet, dem der Lagerfeuer-Charakter von früher innewohnt.

Aber immer auch mit dem erwachsenen Wissen, dass diese Zeiten nicht mehr zurückkehren. Es sind die Bilder und Geschichten meiner Generation, von Wetten, dass..? bis Jurassic Park, die Menschen noch hinter einer Sache versammeln konnten und bestenfalls zum „Talk of the town“ wurden.

Diese Zeit ist natürlich vorbei. Zu zerfasert haben sich die Geschichten und Echoräume durch die Revolution der sozialen Medien. Dennoch ist jedes handgepixelte Retro-Spiel und jede wiederaufgelegte Wetten, dass..?-Folge eine wohlige Erinnerung an diese Zeit.

Wie schön, wenn sich diese Kammern mal einen Spalt weit öffnen und man von seinen Neffen Lieder zugeschickt bekommt, die man selbst in seiner Jugend gehört hat, wenn die Retro-Games plötzlich auch auf großen Plattformen ein Revival feiern und He-Man  (Super-Film!) wieder im Kino läuft.

Vielleicht geht damit das versöhnliche Gefühl einher, dass, wenn man in den gleichen Bildern denkt, man eine ähnliche Wahrnehmung der Welt gewinnt. Das verbindet dann auch auf anderen Ebenen.

Denn wenn Bilder unsere Wahrnehmung prägen, ist die entscheidende Frage heute nicht mehr nur, welche Geschichten erzählt werden. Sondern auch: von wem, aus welchem Antrieb und mit welcher inneren Verpflichtung.

Die aktuelle Flut – vor allem an falschen Bildern und Geschichten – schafft es leider auch, etwas zu verschütten. Und man fragt sich mit Staunen, warum Menschen aus der gleichen Generation, die mit ähnlichen prägenden Bildern aufgewachsen sind und damit eigentlich auch ein ähnliches Verständnis von „Gut“™ und „Böse“™ entwickelt haben müssten, heute so bereitwillig den offensichtlichen Villains früherer Geschichten folgen können. Da habe auch ich die Kraft der Sozialen Medien unterschätzt.

Eine Hoffnung bleibt: Der gute Kern (oder was man selbst für diesen hält)  müsste eigentlich noch da sein. Vielleicht ist er nur verschüttet. Vielleicht wurde er nur noch nicht wieder geweckt.

Wir sollten alle wieder mehr darauf schauen, von wem die Geschichten stammen: Sind es Menschen, die sich ganz der Sache verschrieben haben – Nerds im Wasser? Dann kann man ihnen fast immer trauen, weil sie sich dem Thema von innen heraus verpflichtet fühlen, nicht von außen. Dann gefallen zwar auch hier nicht immer die Ergebnisse, sie sind aber in jedem Fall ehrlich. Und von diesen Inhalten herrscht aktuell kein Überangebot.

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*Das ist weniger dem Veröffentlichungsdatum der Filme geschuldet, sondern eher den zahlreichen Wiederholungen dieser in den 80er Jahren.

Das Titelbild dieses Artikels wurde mit der AI-Software Gemini  erstellt und mit der Software Adobe Photoshop  bearbeitet.

Die weiteren Bilder dieses Artikels sind nicht auf unseren Servern, sondern von Drittpattformen eingebettet.

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