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Was mein Lieblingsvideo auf YouTube mit KI (im Fußball) zu tun hat

Verfasst von David Görges, Januar 2026Künstliche Intelligenz vs. Bauchgefühl – KI-Trilogie 2/3
Prof. Peter Kruse vor einem Stadion und einem geöffneten Laptop

Es gibt auf YouTube über 5,1 Milliarden Videos. Jede Minute werden 360 Stunden (!) neues Videomaterial hochgeladen. Und manchmal stolpert man in diesem Wust an Content über etwas, das einen nachhaltig beeindruckt. Mein Lieblingsvideo dort nenne ich mittlerweile schon seit über zehn Jahren so.

In diesem Clip erklärt Prof. Peter Kruse wie Menschen auf zunehmende Komplexität reagieren. Das Video wurde vor 17 Jahren hochgeladen und ist sicher noch viel früher gedreht worden. Wenn man es in Anbetracht der heutigen medialen und politischen Landschaft anschaut, dient es für mich trotz seines Alters noch immer als das beste Erklärungsmodell, wenn es um den Prozess der Entscheidungsfindung von Menschen geht. Das Video wird nicht älter, es wird besser.

Zumal es auch eine versöhnliche Note bereithält, wenn man zuweilen aktuelle politische und gesellschaftliche Entscheidungen überhaupt nicht nachvollziehen kann. Denn, je nachdem, welchen Schwerpunkt jemand in der Betrachtung einer bestimmten Sache setzt – bewusst oder unbewusst – kann man mit der psychologischen Erklärung von Peter Kruse zumindest nachvollziehen, warum der- oder diejenige zu einem falschen Schluss gekommen ist.

Und zuversichtlich sollte uns stimmen, dass wohl nur die Vernetzung mit anderen zu einem bestmöglichen Ergebnis führt/führen kann; ist dies doch ein Plädoyer für menschlichen Austausch und am Ende auch für funktionierende Demokratien.

Immer, wenn wir uns eine Meinung gebildet haben, gibt es auf dem Weg dorthin etliche Dinge, die wir eben nicht betrachtet haben. Sobald wir kein geschlossenes, endliches System vor uns haben – wie einen Motor, eine Uhr oder einen Computerchip –, sondern Menschen eine Rolle spielen, wird es komplex: Die Einflussfaktoren sind so vielfältig, dass man das System nicht mehr in Einzelteile zerlegen und vollständig durchdringen kann.

Kruses Empfehlung: Versammle Experten zum Thema um Dich, die sich  tiefgehend mit dem Gegenstand der Betrachtung beschäftigt haben – Menschen, die zu einem Thema „eine Reise am Rande der Überforderung“ hinter sich haben. Und sogar dann ist eine Antwort nicht stringent und logisch herzuleiten, sondern vielmehr durch eine Musterbildung entstanden, zu der das menschliche Gehirn in der Lage ist. Organische Intelligenz sozusagen.

Wenn also vier von fünf Experten das Bauchgefühl haben, einen bestimmten unternehmerischen Weg einzuschlagen, ist das zumindest ein guter Indikator dafür, dass dieser Weg nicht direkt gegen die Wand führt. Voraussetzung: Die Experten sind up-to-date und nicht voreingenommen.

Es ist hier vom Bauchgefühl die Rede; etwas, das in diesen Zeiten fast wie ein Anachronismus anmutet. Die Frage, die ich mir allerdings bei aktuellen (!) KI-Systemen stelle: Beherrschen diese eine solch emotionale Musterbildung? Oder können sie sie zumindest zuverlässig simulieren?

[...] weil die Menschen begreifen, dass sie mit Rationalität nicht weiterkommen, greift eine weitere Strategie. Das ist nicht das Verdrängen, sondern das ist das Sich-Konzentrieren auf einzelne Faktoren, z.B. den Preis. Also Sie können Komplexität einfach dadurch bewältigen, dass Sie trivialisieren. Auch keine wirklich gute Strategie, weil in dem Moment, wo Sie trivialisieren, behandeln Sie das System wie ein kompliziertes System. Ein kompliziertes System kann man vereinfachen durch Trivialisierung, indem man es unterteilt. Ein komplexes System zerstören Sie, wenn Sie trivialisieren.

Prof. Peter Kruse

Ein interessantes Feld, in dem diese Frage täglich relevant ist, ist der Profifußball. Betrachten wir die Art und Weise, wie Entscheidungen über Aufstellungen, Neuverpflichtungen oder Trainingsmethoden getroffen werden, läuft es – im Idealfall – genau wie oben beschrieben: Es gibt ein Trainerteam und einen erweiterten Kreis, der nah an der Mannschaft und ihrem Umfeld ist. Alle sind Profis in ihrem Bereich und kennen die aktuellen Entwicklungen im Profifußball. Wie gesagt: im Idealfall.

KI-Systeme hingegen sammeln bereits verfügbare Daten: Messpunkte auf dem Spielfeld, Spielzeit, Verletzungen, Fouls, Tore usw. Basierend auf diesen Daten, die häufig schon seit der frühen Jugend eines Spielers vorliegen, generiert die KI ein Ergebnis – oft eine Zahl. Mit den Daten einer KI kann ein Trainer transparent und in aller Tiefe einen Spieler durchleuchten. So weit waren wir aber auch schon vor der KI.

Neu ist: Die KI kann konkrete Fragen beantworten: „Wie gut passt der Spieler in mein Team?“, „Wird Spieler XY mein Team besser machen?“ oder „Hilft es mir, wenn ich Spieler X jetzt durch Spieler Y ersetze?“. Es muss nicht länger auf umfangreiche und fehleranfällige eigene Recherche gesetzt werden, vielmehr sammelt die KI die notwendigen Daten, die zur bestmöglichen Beantwortung der Frage benötigt werden.

Die Basis dazu bleiben aber immer die vorhandenen sportlichen Daten oder Daten, die ich zusätzlich anreichere. Am Ende kann die KI zwar eine ungeheuere Datentiefe bekommen, kann aber in ihrer ureigenen Anlage nie mehr sein, als die Summe der Teile. Am Ende ist sie trivial. Brilliant trivial, aber trivial. Um es ganz klar zu sagen: Sie führt ohne jeden Zweifel zu einem riesigen Daten-Schatz, den ein Mensch selbst nicht so kombinieren könnte und damit zu einem sehr mächtigen Werkzeug.

Wie kann ich dieses Gap des mangelnden Bauchgefühls bei der KI überbrücken? Die einzige Antwort (sollte die Artificial General Intelligence eine Fantasie bleiben ): Noch mehr Daten. Und zwar ganz persönliche.

Was ein Trainerteam aktuell durch Empathie und Nähe besser einschätzen kann: Gibt es Streit innerhalb der Mannschaft? Ist ein Spieler mental angeschlagen? Gibt es andere externe oder interne Gründe, die aufgetreten sind? You name it.

Der menschliche Makel halt.

Ein Computer – selbst eine KI – braucht Reproduzierbarkeit. Und selbst wenn wir alle Vorkommnisse im Profisport und deren Einfluss auf die Leistung messen könnten – vom Haarfollikeltest bis zu entführten Eltern – kämen wir immer noch nicht zu einer verlässlichen Aussage. Zu viele Menschen treffen mit unterschiedlichen Vorgeschichten und sozialer Prägung aufeinander; dieses Zusammenspiel führt zu einem komplexen System, das sich final am besten durch Menschen erfassen lässt – immer unter der genannten Prämisse von Prof. Kruse.

Klar: Irgendwann werden Gesichter gescannt, und Gefühlslagen lassen sich anhand von Stimme, Gestik und Mimik auslesen. Aber dieses Individuelle ist Gift für eine KI. Denn die Reaktion eines Spielers auf Wut oder Trauer fällt nie gleich aus. Motiviert die Trauer oder lähmt sie? Das ist eine Typenfrage und sogar da nicht immer eindeutig zu beantworten. Hier braucht es (aktuell noch) Menschen.

Ist deswegen eine KI nutzlos und macht ein solches Werkzeug einen Sportverantwortlichen dümmer? Nein, auf gar keinen Fall. Sollte man nur noch mit einem solchen Werkzeug arbeiten und seine eigenen Beobachtungen und Gefühle über Bord werfen? Ebenfalls nein.

Der sinnvollste Weg wird ein Hybrid sein: Alles im Umfeld aufnehmen, up-to-date bleiben und seine Gefühle mit anderen Experten spiegeln. Und in Entscheidungsfindungen unbedingt auch KI einbeziehen. Wenn sie aber zum Richter über Spielerkarrieren wird, räumen wir ihr zu viel Macht ein.

Den Spielern Vertrauen schenken, sie fordern und fördern; das mag sich in diesen tech-getriebenen Zeiten zunächst esoterisch anhören – ist aber empirisch in seiner Wirkung verbrieft.

Und wenn wir ehrlich sind: wie schrecklich wäre es, wenn die KI alles wüsste. Die Spiele müssten nicht mehr gespielt werden. Wozu würde das wohl führen? Und: wollen wir das?

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Die verwendeten Bilder (Artikelvorschau und Artikel) wurden mit der AI-Software Gemini  erstellt.

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