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You can’t beat the real thing

Verfasst von David Görges, Februar 2026Was macht die KI-Content-Flut mit uns? – KI-Trilogie 3/3
Ein Bild von einer Welle bestehend aus AI-Buchstaben, die auf ein Stadion zurollt. Das Stadion ist durch ein Schutzschild vor dieser geschützt.

Wir stehen an einem Punkt, an dem die künstliche Intelligenz nahezu alles effizienter, schneller und vor allem verfügbarer machen wird. Die Frage: Wird in einer maximal digitalisierten Welt das Echte, das Unmittelbare und das Menschliche wieder reüssieren und an Bedeutung gewinnen?

Es ist leider meist so, dass positive Zukunftsprognosen nicht eintreffen. Zumindest nicht unmittelbar. Der Fortschritt der Menschheit misst sich selten in Jahren oder Jahrzehnten, sondern in Generationen. Vor allem, wenn es darum geht, bahnbrechende Erfindungen zu sortieren. Denn blickt man aus der Vogelperspektive auf die Entwicklung – von der Steinzeit bis heute –, würden wir auf viele Errungenschaften sicher nicht verzichten wollen. Bloß sind das nicht die Maßstäbe, auf die wir uns in unserer kurzen Lebenszeit verlassen möchten.

Eines der jüngsten Beispiele ist sicher Corona. Dass es uns näher zusammenführen würde, ist aus heutiger Perspektive zumindest zu hinterfragen. Und trotzdem: Wenn man die Hoffnung hegt, dass die aktuellen Entwicklungen nicht in eine WALL·E-artige Zukunft münden, dann gibt es – immer aus Sicht meiner eigenen Sozialisation – zumindest Anhaltspunkte, die die Vermutung zulassen, dass eine Sehnsucht nach dem Echten, dem Anfassbaren und dem Erlebbaren wächst.

Wählen wir mal einen ganz entspannten Einstieg: Ich hasse automatisierte Support-Hotlines.

Ich kann es kaum ertragen, in nicht enden wollende Schleifen geschickt zu werden – immer mit dem Gefühl, dass die Gegenseite darauf hofft, man gebe irgendwann enerviert auf. Als ginge es dem Gegenüber gar nicht darum, wirklich helfen zu wollen, sondern lediglich darum, in irgendeinem System nachweisbar zu machen, dass man bemüht war und der Kunde ja durchkam. Horror.

Der schönste Moment: man wird zu einem echten Menschen durchgestellt. Man kann Dinge erörtern und besprechen und wenn nötig auch unterbrechen, um abzukürzen. Sicher: AI wird immer besser und vermutlich irgendwann nahezu ununterscheidbar vom Menschen sein. Aber aktuell zählt diese Form der Automatisierung zu den schlechtesten User Experiences, die ich kenne.

Das ist natürlich ein absolutes First World Problem. Aber dahinter steckt etwas Größeres: Was wird die KI mit uns machen? Wie reagieren wir auf die fortschreitende Verkünstlichung unserer Welt? Und welche Chancen entstehen daraus?

Die KI-Bots werden – wenn sie es nicht schon längst haben – große Teile der digitalen Kommentarspalten einnehmen. Nicht, weil sie Lust dazu haben, sondern weil Menschen das so wollen. Und es wäre für diese eine enorme Ressourcenverschwendung, die Energiekosten für Bot-Farmen  zu tragen, ohne eine Agenda zu verfolgen. Wer echtes Interesse an Austausch, Dialog und Kompromissen hat, schickt selten einen Bot ins Rennen. Hier entfalten Populisten und Meinungsmacher deutlich mehr Energie – schlicht, weil kein Interesse an Verständigung besteht, sondern vor allem an Destruktion. Dieser Energiegrundsatz lässt sich leider aktuell auf viele andere Bereiche übertragen.

🚨 +++ BREAKING +++ JUST IN +++ 🚨

Wir verlieren uns im Doomscrolling; im Gewitter aus Emoji-Blaulichtern und Breaking-Schlagzeilen. Das, was gestern noch eine schier unfassbare News war, ist heute wieder vergessen. Man erinnert sich eventuell noch an das Gefühl, das die Nachricht hinterlassen hat, aber nicht mehr an den konkreten Inhalt.

Ein Dauerfeuer aus Platzpatronen. So laut, dass selbst Nachrichten, die echte Tragweite haben kaum länger als einen Tag nachhallen. Das gilt für die tragischsten Meldungen über Kriege und Katastrophen, ebenso wie für einst große Unterhaltungsereignisse wie den Super Bowl, die Oscar-Verleihung oder ein WM-Finale. Wenn alles historisch ist, ist am Ende nichts mehr historisch. Hauptsache, die Reichweite stimmt.

Aufmerksamkeit – ob negativ oder positiv, wahr oder unwahr – ist die Währung. Weil man nur noch Fragmente verknüpft. „Flood the zone with shit"  wie es der ehemalige Trump-Berater Steve Bannon ausgedrückt hat. Eine Strategie, die leider greift. 

Wir haben eine besondere Form des "Zone Flooding" untersucht, die wir "Bullshit" nennen. Dabei werden nicht nur wahre und falsche Informationen vermischt, sondern die Falschheit ist auch noch in sich widersprüchlich. Das heißt, man versucht nicht einmal mehr, widerspruchsfreie Unwahrheiten zu behaupten. Diese extreme Form des "Zone Flooding" führt laut unseren Ergebnissen dazu, dass Bürgerinnen und Bürger leichtgläubiger werden und stärker dazu neigen, Aussagen zunächst für wahr zu halten, egal wie falsch sie sind. Der Effekt ist stärker ausgeprägt als bei klassischer Propaganda und zeigt, wie gefährlich diese Methode ist.

Helen Fischer (Psychologin) im verlinkten ZDF-Interview

In meiner Bubble fehlt jedenfalls zunehmend die Motivation, sich an digitalen Diskussionen zu beteiligen. Da von vornherein klar ist, dass es nicht um Wahrheitsfindung geht, sondern um die performative Frage, wie gut die antwortenden Bots auf Demagogie programmiert wurden – flach oder mit etwas menschlicher Verve. Und besonders bitter: Die platteste Variante wird häufig von echten Menschen kopiert, was sie dann auch nicht zu besseren Gesprächspartnern macht.

Was aber passiert am Ende dieser Hass-Maschinen, wenn wir nicht mehr wissen, was wahr oder unwahr ist oder wer mit wem schreibt – und wenn es sich schlicht nicht mehr erfüllend anfühlt, Diskussionen zwischen Robotern zu beobachten.

Ein möglicher Ausweg: man verzichtet auf Inhalte Dritter und erschafft sich seine eigene KI-Welt. Mit VR-Brille wird die kleine Mietwohnung zur Multi-Millionen-Villa, Filme und Serien entstehen aus dem eigenen Prompt und enden so, wie man es möchte. Hauptdarsteller und Inhalt? Frei wählbar. Schauspieler als Leihkörper, denn am besten bin ich einfach selbst der nächste Avenger. Living as a Service. „Living“.

Die Hoffnung: Ein Twist, hin zum Echten

Was KI aber hier nicht liefern kann, ist etwas zutiefst Menschliches: das Bedürfnis nach vergleichbarer Individualität. Nicht im abgrenzenden Sinne, sondern wie bei Modeprodukten: Wir wollen die Handtasche eines bestimmten Labels – und wenn es davon eine limitierte Edition gibt, wird sie noch begehrenswerter. Individualität im Gemeinsamen, um vergleichbar zu bleiben. Das kann eben nicht oder nur begrenzt im digitalen Kosmos stattfinden, in dem jeder unmittelbar alles haben kann (zumindest eine identische Kopie); es kann nur in der echten, haptischen Welt entstehen – dort, wo Inhalte nicht beliebig sind und durch ihre natürliche Limitierung Wert erfahren können. Wir sehen das bereits bei verschiedensten Trends: von Vinyl-Platten bis zu Retro-Trikots. Das digitale Adäquat der Non-Fungible Tokens ist hingegen (vorerst) gescheitert.  Aber vielleicht können sie zukünftig doch noch einen Zweck erfüllen: als Verifizierung für echte Inhalte und Produkte. 

So zeigen sich zumindest hier erste Spuren einer Gegenbewegung. Der permanente Reizstrom wird nicht mehr unkritisch hingenommen. Immer mehr Menschen spüren, dass endloses Scrollen keine Erfüllung bringt, sondern Erschöpfung. Die Forschung spricht von Social Media-Fatigue: Überforderung, sinkende Konzentration: Informationsüberlastung macht müde – und führt dazu, dass Nutzung hinterfragt, reduziert oder zeitweise ganz ausgesetzt wird. Digital Detox, selektiver Konsum, bewusste Abstinenz: vielleicht kein Lifestyle-Hype, sondern ein ernster Versuch, der Aufmerksamkeitsökonomie Grenzen zu setzen und dem Dauerfeuer der Inhalte wieder menschliche Begegnung entgegenzusetzen.

Die Hoffnung: Je perfekter und allgegenwärtiger digitale Illusionen werden, desto stärker könnte eine Gegenbewegung ausfallen. Wir sehen das bereits bei globalen Superstars wie Taylor Swift. Die Stadien sind nicht voll, weil man sonst keinen Zugriff auf die Musik hätte; sie sind voll, weil Menschen das Unmittelbare suchen: den Schweiß, die Lautstärke, die Unvorhersehbarkeit des Live-Moments. Und ja – auch die digitale Dokumentation, um zu beweisen, dass man wirklich da war.

Plakat von der Eras-Tour von Taylor Swift im Odeon in London am Leicester Square

Die Eras-Tour von Taylor Swift: natürlich immer und überall restlos ausverkauft.

Was jeder jederzeit haben kann, verliert an Wert. Das Echte wird zur neuen Luxuswährung. Und das bezieht sich zum einen auf Top-Events, zum Anderen kann es aber auch den Trend zurück zu echter Beratung geben. So spreche ich lieber persönlich mit einem Bankberater zu meiner Hausfinanzierung als mit einer KI-Hotline von der ich im Zweifel nicht weiß, von welcher Bank sie bezahlt wird.

Die Rolle der Kommunikations- und Marketingabteilungen könnte sich daher verschieben: weg vom Content-Produzenten, hin zum Wächter des Echten.

Alle Unternehmungen, die Werte haben, die in der echten Welt Resonanz erfahren können, sitzen auf einer vermeintlichen Goldader. Sie haben Zugang zu etwas, das kein Prompt erzeugen kann. So könnten schon bald erste Fußballvereine davon absehen, KI-Inhalte zu produzieren: „Alles, was ihr auf unserem Kanal seht, ist echt.“ Das Live-Erlebnis und das Merchandising könnten wieder zentraler Ankerpunkt der Kommunikation werden.

Sponsoring: Der Zugang zum (Un)bezahlbaren

Diese Verschiebung verändert auch das Sponsoring. Klassische Unternehmen verfügen über Budgets, aber nicht über diesen Schatz echter und emotional aufgeladener Begegnungen.

Daraus folgt: Auch Vertragsmodelle mit Spielern könnten sich verändern. Es reicht perspektivisch nicht mehr, das Gesicht eines Spielers nutzen zu dürfen – das kann die KI bald souverän simulieren. Der eigentliche Wert liegt in echter Interaktion. In Begegnungen, Gesprächen, Reaktionen. So wird das KI-Interview, das zwar mit täuschend echten Spieler-Gesichtern erstellt wird, aber nur die vorgefertigten Presse-Texte nutzt, natürlich immer weniger wertvoll als das Gespräch mit dem echten Spieler.

Wer also diesen Zugang zum „Echten“ ermöglichen kann, verhandelt plötzlich mit einer anderen Währung: Nicht Reichweite – die ist inflationär. Sondern Nähe.

Die Zukunft ist digital und KI-getrieben, daran führt kein Weg vorbei. Aber im Analogen – emotional wie ökonomisch – entstehen aktuell echte Werte. Den Blick drauf sollten wir nicht verlieren.

Zugegeben, hier schwingt viel Hoffnung mit; aber zumindest würde so eine Zukunft aufgezeigt, bei der uns eine gestaltende Rolle bleibt und dem Digitalen die Rolle des Verstärkers, nicht des Stückes selbst zukommt.

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Die verwendete Illustration (Artikelvorschau und Artikel-Header) wurde mit der AI-Software Gemini  erstellt.

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