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Wesens-VAR-ändernd

Verfasst von David Görges, März 2026Innovation ≠ Verbesserung
Auf dem Foto macht ein Schiedsrichter als Beifahrer in einem Auto die typische Geste eines Videoschiedsrichters. Es ist eine Nachstellung der berühmten Pulp Fiction-Szene mit Uma Thurmann und John Travollta.

Es liegt mir nicht, zu polarisieren. In der Regel gibt es gute Argumente für verschiedene Sichtweisen. Algorithmen der sozialen Medien mögen das zwar nicht, aber ihnen unterordnen will ich mich nicht.

Wie schön, dass es den Video Assistant Referee gibt. Denn hier kann es ja nur eine Meinung geben:

Was für ein epochaler Fehler!

Die Entscheidung für den „Kölner Keller“ zeigt fast mustergültig, dass technischer Fortschritt menschlicher Rückschritt sein kann. Wir nehmen uns bewusst die Freude an einem Spiel (!) und haben nicht den Mut, uns diese zurückzuholen. Als würde uns die Technik strafen, wenn wir es denn täten.

Man stellt sich jeden Spieltag erneut die Frage: Wer kann das wollen? Wenn man die Antwort auf diese Frage mittels KI kumulieren lässt, landet man bei folgendem Satz: „Es gibt eine starke Pro-VAR-Interessengemeinschaft; Regelhüter, Verbände, Ligen und Schiedsrichterwesen haben gute Gründe, am VAR festzuhalten — selbst dann, wenn ein großer Teil der Stadionkultur ihn emotional ablehnt.“

Nun.

Es wollte noch nie in meinen Kopf: Wie konnten sich Vereine jemals für eine solche Technik entscheiden? Es hätte einen kollektiven Aufschrei geben müssen. Aber der Reihe nach.

Wir verändern das Wesen des Spiels: die Abseitsregel

Ja, die Abseitsregel hat im Laufe der Zeit viele Veränderungen durchlebt. Der Grund war dabei immer eindeutig: Es ging im Wesentlichen darum, dass Spieler nicht vor dem gegnerischen Tor auf den Ball warten sollen. Das hätte das Spiel zwar torreich, aber statischer gemacht. Eine kluge Regel also, die in ähnlicher Form auch im Rugby Anwendung findet; macht sie das Spiel für den Zuschauer deutlich attraktiver.

Als sie erfunden und über die Jahre angepasst wurde, war die Einbindung eines Videoschiedsrichters nicht Teil des Gedankengangs. Es stand fest: Bei einem Spiel, das Menschen spielen, ist der Schiedsrichter ein Mensch. Selbst als es bereits gute Kamerabilder gab, stellte man sich die Frage nicht. Wenn überhaupt, waren es Nischenmeinungen (die es hätten bleiben sollen).

Was durch die Auslegung der Abseitsregel zu jenen Zeiten immer deutlich wurde: Es ging darum, keinen ungerechten Vorteil zuzulassen und möglichst dafür Sorge zu tragen, dass Verteidiger und Stürmer die gleichen Voraussetzungen bei dem Kampf um den Ball haben. Das mündete – wieder zugunsten der Attraktivität – darin, dass gleiche Höhe seit 1990 kein Abseits mehr ist.

Zudem sorgte es schrittweise dafür, dass das Spiel agiler wurde. Die oben genannte Idee griff: „Wir wollen nicht, dass jemand nur auf den Ball wartet, wir wollen faire, attraktive Duelle.“ Die Aussage „Im Zweifel für die Angreifer“ zeigt den dahinterstehenden Geist: Solange sich jemand keinen ungerechten Vorteil verschafft, ist die Szene weiterlaufen zu lassen. Denn dann haben wir ein solches, faires Duell.

Eine Idee, positiv für die Fans und für das Spiel. Wie schön! Die Dynamik einer Szene entscheiden eben nicht Kniescheiben oder Zehenspitzen. Das ist das ursprüngliche Wesen der Abseitsregel, die Idee dahinter. Was wir jetzt beurteilen, hat nichts mehr mit ihrer eigentlichen Idee zu tun. Es ist ein anderes Spiel geworden.

Wir haben sein Wesen verändert.

Der Videoschiedsrichter macht aus einem organischen Spiel ein technisches Spiel. Der Mensch, der menschliches Tun beurteilt, wird selbst nicht mehr zu einem Bestandteil, sondern zu einem Handlanger der Technik. Sein Urteil ist nicht mehr wichtig. Er ist der Maschine untergeordnet. Meine Überzeugung: Nur ein Mensch sollte ein menschliches Spiel beurteilen.

Ich war ohnehin oft erstaunt, wie genau Schiedsrichter durch ihr Können Abseitsstellungen erkannt haben; absurde Fehler waren meist nicht mehr dabei. Im Gegenteil, der Geist des Spiels wurde auch bei vermeintlichen Fehlentscheidungen (Kniescheibe war weiter vorne) im Grunde gewahrt. Heute fragt man sich, ob beim richtigen Frame gestoppt wurde und ob es die Millisekunde des Abspiels war und ob nicht die kalibrierte Linie falsch gezogen wurde. Natürlich immer elendig wartend, ob das Tor nun zählt oder nicht.

Der VAR entmündigt nämlich nicht nur den Schiedsrichter, sondern macht auch die Fans unverschuldet zu Jammerlappen, die, wie beim Herunterladen von Dateien, warten, bis sich der VAR-Balken final gefüllt hat. Wie traurig das von außen aussehen muss…

Entgegen der VAR-Gläubigen besteht der Fußball nur oberflächlich aus ständiger Wiederholung, in Wahrheit ist jede Szene aufs Neue individuell und ebenso zu bewerten. Wir nehmen ihm sonst nicht nur das Wesen, sondern auch die Seele.

Ist die Jury digital, lernt der Mensch, dem Computer zu „gefallen“

Die Olympischen Spiele führen bei mir dazu, dass ich Sportarten schaue, die sonst nicht in meinem Relevant Set sind. So war es in diesem Jahr beim Eiskunstlaufen. Die Ruhe der (fantastischen) Darbietungen ließ meine Gedanken schweifen: Wieso gibt es da eigentlich eine Jury aus Menschen? Braucht man die überhaupt? Könnte eine KI nicht ganz simpel die einzelnen Elemente und deren Ausführung beurteilen und dann ein finales Urteil aussprechen? Wieso machen das Menschen?

Die einzige Antwort, die ich darauf habe: Das Dargebotene ist mehr als die Summe der Teile. Es geht um mehr als das rein Messbare, obwohl es natürlich – menschlich nachvollziehbar – auch durch die Kommentatoren darauf reduziert wird: Axel, Lutz und Rittberger.

Wenn man sich aber auf die Darbietungen einlässt (wenn!), dann bin ich mir sicher, dass auch ein ungeübter Zuschauer – ganz ohne die Bewertung der Jury – sieht, welche Darbietung gut war. Einfach, weil sie in sich stimmig war. Musik, Tänzer, Bewegungen, Kleidung und vielleicht auch manchmal ein wenig die Magie des Augenblicks, die ein Sportler in einem Jahr aufs Eis bekommt, davor und danach aber nie wieder.

Das klingt im ersten Moment abstrakt; aber ganz konkret: Wenn die Eiskunstläufer wüssten, was exakt in welcher Abfolge die meisten Punkte bringt, dann sehen wir in Zukunft absolut gleichförmige, im Sinne des Algorithmus optimierte, Darbietungen: Das ist die pure, digitalisierte Langeweile.

Entseelt.

Wir nähern uns der Beurteilung menschlicher Darbietungen über Muster, die durch eine Vielzahl von Experten in die Nähe einer guten Entscheidung kommen.  Das scheint (noch) am gerechtesten zu sein.

Ein weiteres Beispiel: der Eurovision Song Contest. Wieso erfolgt auch dort das Urteil durch Menschen? Warum wird da nicht nach einem Algorithmus entschieden, der die aktuellen Charts aller teilnehmenden Länder untersucht und den Sieg der Person zuspricht, die die beste Schnittmenge trifft? Und wieso nehmen wir ein menschliches Urteil überhaupt ernst und diskutieren unser Abschneiden im Nachhinein? „Das haben doch nur Menschen entschieden, der Computer hätte uns ganz weit vorne auf dem Zettel gehabt!“

Ein Grund: Weil wir uns sonst neuen Entwicklungen berauben. Ein Computer kann nur beurteilen, was er kennt, echte Innovation ist ihm fremd. Ein interessanter Gedanke, vor allem im Kontext sich dynamisch entwickelnder Sportarten, denen man nur durch stetige Anpassung auch in der Beurteilung gerecht werden kann.

Wendet man es auf den Fußball an, so machen wir ihn durch den VAR kleiner, als er ist, weil wir ihm diese Schönheit durch die Härte des Digitalen nehmen und damit auch absprechen. The Beautiful Shame.

Und weil die Akteure auf dem Fußballplatz Menschen sind und die Anpassungsfähigsten immer gewinnen, haben sie natürlich schnell dazu gelernt. Sie haben die digitale Entscheidung des VAR verinnerlicht. Sie suchen den Kontakt mit dem Gegenspieler bewusst, weil das im Strafraum fast immer ein Foul ist. Ich kann diese Sprungeinlage – die Zehen senkrecht zum Rasen auf der Suche nach Körperkontakt – nicht mehr sehen.

Auf dem Logo ist die typische Bewegung eines Fußballspielers zu sehen, der bewusst den Kontakt zu einem Gegenspieler sucht. Stilisiert und in abstrakter Form.

VAR-Logo-Exploration

Damit ist keine Gerechtigkeit hergestellt, denn auch hier greift lediglich das Ausnutzen einer vom Menschen gemachten Regel. Denn auch, wenn wir das Digitale dazwischen schalten, sind die Ideen für das, was geahndet wird, von Menschen gemacht. Was langsam dämmert: Fußball lässt sich nicht in Nullen und Einsen überführen. Denn das macht ihn für die aktiven Teilnehmer deutlich ausrechenbarer.

So führt es aktuell dazu, dass Torhüter im 1:1 quasi keine realistische Verteidigungsoption mehr haben. Schiedsrichter, die rausgeschickt werden, urteilen ab diesem Moment auch nicht mehr nach realen Bewegungen und Dynamiken, sondern rein digital: Berührung ist Berührung. Im Doppelpass würde man sagen: „Jeder, der mal Fußball gespielt hat, weiß, dass das nicht stimmt.“

Und The Beautiful Game ist auch spätestens dann hinfällig, wenn drei Verteidigungsspieler mit ihren Armen hinter dem Rücken vor den Stürmern rumhüpfen. Da gilt dann abseits von jeder Nostalgie einfach, dass früher wirklich alles besser war. Game Over für Fußball-Ästheten.

Tech-Bros und CEOs

Wenn der Sport also im Sinne von Dynamik und Attraktivität nicht besser wird und die Gerechtigkeit auch nicht profitiert, weil Menschen immer kreative Wege finden, sie auszuhebeln und sie damit ohnehin nur verschoben wird; welcher Grund bleibt dann noch übrig? (Denn Tätlichkeiten ließen sich auch separat sanktionieren.)

Was mir als Argument begegnet: Entscheidungsträger meinungsstarker, und damit häufig auch erfolgreicher Vereine haben eine Gleichung aufgemacht: Je kontrollierter und digitalisierter das Spiel, desto höher die Chance, dass wir uns gegen kleinere Vereine durchsetzen. Langfristig werden wir mehr Siege einfahren. Dazu zwei Gedanken:

1. Wahrscheinlich sammelt man auf Strecke immer gegen kleinere Vereine mehr Punkte; auch ohne VAR. Denn durch die Verschiebung der Gerechtigkeit gibt es jetzt halt keine falsche Abseitsentscheidung mehr; der pfiffige Spieler einer kleineren Mannschaft stellt nun einfach eine entsprechende Berührung im Strafraum her, die zu einem Elfmeter führt. Und bei Spielen, wo es wirklich um etwas geht, spielt man nun mal meist gegen mindestens gleichwertige Gegner; die Gleichung geht also nicht mehr auf oder verkehrt sich sogar im schlechtesten Fall.

2. Die einflussreichsten Vereine sind häufig gewachsene Clubs mit großer, emotionaler Anhängerschaft. Wie kann man sich dieser Kraft bewusst berauben? Was für ein Stimmungskiller zugunsten eines vermeintlichen Wettbewerbsvorteils. Wie klein der Gedanke, wie unambitioniert und wie wenig Weitsicht damit einhergeht; verliert man doch langfristig das weitaus größere Asset.

Natürlich darf man sich auch beim VAR nicht vom Einfluss des Zeitgeists lösen. Auch wenn sich die Sichtweise langsam wandelt, fällt die Entscheidung für den VAR in die Phase, in der alles, was neu war und was zudem technisch gelöst werden konnte, hip war: Es ist möglich und es ist digital, dann muss es auch gut sein. Alle, die das infrage stellen, sind innovationsfeindlich. Das klang allzu oft richtig und gut; erst die jüngsten Entwicklungen zeigen uns, dass neue Technik auch zahlreiche Gefahren hat und – wer hätte es gedacht – hauptsächlich durch Profitinteresse gesteuert wird.

Wir sind noch immer überfordert von den Möglichkeiten der digitalen Revolution. Das führt zwangsläufig auch zu fehlerhaften Anwendungen. Wir müssen dann nur so klug sein, diese zu revidieren.

Darin sind wir (noch) sehr schlecht und inkonsequent. Die Begründung dafür mag am Ende des letzten Absatzes stehen.

BVB - Málaga – das pure Fußballglück

Ich nehme in Kauf, dass persönliche Rückblicke häufig verklärt sind und es in Wahrheit vielleicht nie so schön war wie in der eigenen Erinnerung. Aber selbst wenn das 3:2 des BVB gegen Málaga im April 2013 nur zehn Prozent von dem war, an das ich mich stets mit einem glückseligen Lächeln erinnere, war es noch immer ein unfassbar großartiges Fußball-Ereignis.

Ein absolut ungestörtes Verhältnis zum Fußball (als BVB-Anhänger war einfach alles perfekt), die reine Freude am Spiel, einhergehend mit einer Mannschaft zum Niederknien; und vom Trainer fange ich erst gar nicht an.

Alles fühlte sich an wie ein Bonuslevel, das einfach nicht aufhört.

Man kann diese magische Nacht noch einmal zusammenfassen, aber eigentlich haben das die Moderatoren des BVB-Netradios schon ganz gut live hinbekommen.

Das Stadion explodiert und alles greift ineinander, ein unbändiger Wille zum Sieg, gepaart mit einer Atmosphäre, die auch nichts anderes zulässt. Und natürlich fragt man sich zwangsläufig, ob das Schiedsrichtergespann die Abseitsstellung von mindestens vier (!) Dortmundern beim entscheidenden 3: 2 gesehen hat und sich einfach nicht getraut hat, auf etwas anderes als Tor zu entscheiden. Zumal auch Felipe Santana bei diesem legendären Treffer irregulär stand.

Hätte es einen Videobeweis gegeben, wäre die Welt – oder zumindest ich – um ein wunderbares Fußball-Ereignis ärmer. Man mag argumentieren, dass der VAR am Ende zu einem gleichen Endergebnis gekommen wäre, weil auch schon ein Tor von Málaga zuvor Abseits gewesen wäre. Aber das Spiel, es wäre nicht das gleiche gewesen. Das war Fußball in Reinkultur.

Und wenn ohnehin beides gerecht war (wenn es diese Kategorie im Leben überhaupt gibt), dann ist es ohne den VAR die weitaus schönere Gerechtigkeit gewesen.

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Die verwendeten Bilder wurden mit der AI-Software ChatGPT  erstellt und mit der Software Adobe Photoshop bearbeitet.

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